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Schlafstörungen

Schwerkrank und schlaflos: Patienten auf Intensivstation

Obwohl Intensivpatient*innen Erholung benötigen, wird ihr Schlaf häufig gestört. Ellen Lee
Siobhan Weiss

Veröffentlicht von Siobhan Weiss am 01.06.2020

Ständiges Ein- und Ausgehen, Piepen. Ab und zu wird es strahlend hell, dann wieder dunkel. Jemand wischt über den Schrank, eine Patientin stöhnt. Plötzlich schlägt ein Gerät am Nachbarbett Alarm. Hektisch kommt das Pflegepersonal herein, schaut auf den Monitor, zupft an einigen Kabeln… Das Ganze Tag und Nacht, 24 Stunden, sieben Tage.

Warum schlafen Patienten auf Intensivstation schlechter?

Lärm

Die Geräuschkulisse auf der Intensivstation ist alles andere als ruhig und entspannend. Monitore und Infusionspumpen piepsen. Telefone klingeln. Das Krankenhauspersonal redet. Die durchschnittliche Lautstärke beträgt 50 bis 75 Dezibel.

Auf einer Intensivstation ist es so laut wie in einem Großraumbüro oder in einer Fabrik!

Doch LärmGedanken abschalten, besser schlafen: Die sechs besten Tipps ist nur einer von vielen Gründen für die schlechte Schlafqualität der Patient*innen auf Intensivstation.

Licht

Monitore leuchten. Durch die geöffnete Tür fällt Licht vom Flur herein. Das Pflegepersonal kommt ins Zimmer. Licht ist gleich doppelt schlecht für den Schlaf: Einerseits wachen Schlafende durch den Lichtreiz schneller auf. Andererseits wird die Melatoninproduktion gestört. Unser Schlafhormon MelatoninDas Schlafhormon Melatonin wird bei Dunkelheit ausgeschüttet und sorgt dafür, dass wir müde werden. Durch die Lichtreize wird bei Patient*innen der Intensivstation weniger Melatonin ausgeschüttet.

Die Folge: Intensivpatient*innen schlafen qualitativ schlechter und weniger.

Licht ist ein ernstzunehmender Störfaktor für den Schlaf auf Intensivstation.

Pflege

Studien haben ergeben, dass ein Großteil der Pflege der Patient*innen auf Intensivstation nachts geschieht. Während der Nachtschicht hat das Pflegepersonal oft mehr Zeit, da Behandlungen und Operationen auf die Tagschichten verlegt werden.

Pro Patient*in und Nacht werden durchschnittlich 51 Interventionen ausgeführt!

Ununterbrochene Perioden von zwei bis drei Stunden erfahren Patient*innen nur in sechs Prozent der Nächte.

Immerhin: Nicht jede Intervention weckt Patient*innen auf. Nur 20 Prozent dieser Interventionen führen zu einer Aufwachreaktion.

Beatmung

Das Thema Beatmung hat seit der Coronakrise vermehrt Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erhalten. Wie man leicht nachvollziehen kann, sorgt eine Beatmung oft dafür, dass die Beatmeten schlechter schlafen: Dadurch, dass der Gasaustausch einem unnatürlichen Rhythmus folgt, schlafen Beatmete oft weniger tief und erholsam.

Eine künstliche Beatmung kann notwendig sein, ist aber leider auch schlafstörend.

Auch viele Nebenaspekte der Beatmung führen zu häufigerem Aufwachen der Patient*innen auf Intensivstation:

  • Ventilatoralarme
  • das unangenehme Gefühl an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu sein
  • Medikamente, die Beatmeten gegeben werden müssen

Intrinsisch

Intensivpatient*innen leiden oft nicht nur an einer Erkrankung. Besonders häufig sind Atemwegserkrankungen, bei denen es zu einer Verengung der Atemwege kommt. Wenn die Atmung beeinträchtigt ist, ist es auch der Schlaf. Nach Schlaganfällen und Herzversagen leiden viele Menschen nachts unter einer sogenannten Cheyne-Stokes-Atmung.

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Cheyne-Stokes-Atmung

Die Cheyne-Stokes-Atmung ist eine krankhafte Atmungsform, die nach Johne Cheyne und William Stokes benannt wurde.

 

Sie ist charakterisiert durch ein periodisches An- und Abschwellen der Atemtiefe und des Abstands der einzelnen Atemzüge voneinander: Die Atmung wird immer flacher und setzt kurz aus. Dann setzen die Atemzüge wieder ein, vertiefen sich zunehmend und werden flacher, bis es wieder zum Atemstillstand kommt.

 

Eine Cheyne-Stokes-Atmung beobachtet man oft bei Schlaganfällen, Vergiftungen, Gehirnarteriensklerose, Herzversagen und Tieren im Winterschlaf.

Diese Abnormalitäten in der Atmung führen bei Intensivpatient*innen zu Kurzatmigkeit, häufigem Aufwachen nachts und Tagesschläfrigkeit.

Weitere Gründe für schlechten Schlaf von Intensivpatient*innen:

  • Schmerzen
  • Stress
  • Angst
  • Operationen

Medikamente

Viele Medikamente, die auf Intensivstationen verabreicht werden, verändern den Schlaf.

Beruhigungsmittel: Midazolam, Propofol und Co.

Klingt paradox, ist aber wahr: Beruhigungsmittel können für Schlafprobleme verantwortlich sein. Viele häufig verwendete Beruhigungs- und SchlafmittelRezeptpflichtige Schlafmittel: (Neben-) Wirkungen und Abhängigkeit helfen zwar beim Einschlafen, sind aber auf einen längeren Zeitraum betrachtet eher schlafstörend. Der Schlaf ist oberflächlich: Tiefschlafphasen und Schlafqualität nehmen ab. Nach dem Absetzen kommt es oft zu einer Rebound Insomnia: Intensivpatient*innen können eine Zeit lang nicht ein- und durchschlafen.

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Auf Intensivstation häufig verwendete Beruhigungsmittel

Midazolam

Midazolam gehört zur Gruppe der Benzodiazepine. Es wirkt angstlösend, beruhigend, krampflösend und einschläfernd. Verwendet wird es häufig als Narkosemittel bei beatmeten Intensivpatient*innen und bei Operationen. Es hat viele Nebenwirkungen wie Gedächtnisverlust, Atemdepression und Sucht. Es sollte daher nur möglichst kurz angewendet werden.

 

Propofol

Propofol ist ein intravenöses Anästhetikum. Es wird zur Narkoseeinleitung bei OPs und zur Narkotisierung von Beatmungspatient*innen angewendet. Es wird besonders gerne angewendet, da es ein angenehmeres Einschlafen und Aufwachen als andere Anästhetika ermöglicht.

 

Dexmedetomidin

Dexmedetomidin ist ein neueres Anästhetikum, welches sich dadurch auszeichnet, dass es die Atmung weniger beeinträchtigt als andere Anästhetika. Es wirkt außerdem angstlösend und schmerzlindernd.

Das neuere Anästhetikum Dexmedetomidin ahmt noch am ehesten natürliche Schlafphasen nach und stört den Schlaf daher am wenigsten.

Antipsychotika

Antipsychotika wie Haloperidol, Risperidon und Olanzapin können Studien zufolge den Anteil des tiefen Schlafs erhöhen. Sie haben jedoch nicht zu vernachlässigende Nebenwirkungen: Krämpfe, Muskelsteifheit, Gewichtszunahme und Herz-Rhythmus-Störungen.

Kardiovaskuläre Medikamente

Medikamente, die das Herz-Kreislauf-System beeinflussen führen oft zu Schlaflosigkeit und Albträumen. Hier einige Beispiele:

  • Blutdrucksenker: Betablocker, zum Beispiel Propranolol
  • Antiarrhythmika: Amiodaron
  • Kortikosteroide: Kortison
  • trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin

Welche Folgen haben Schlafstörungen auf Intensivstation?

Wenig Schlaf ist ungesund

  • Herz-Kreislauf-System: Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt bei Menschen, die durchschnittlich weniger als sechs Stunden pro Nacht schlafen, stark an. HierÜberdosis: Ist zu viel Schlaf ungesund? erfahrt ihr mehr über den Zusammenhang von Schlafdauer und dem Erkrankungsrisiko!
  • Atmung: Schon eine schlaflose Nacht verschlechtert Atemparameter am nächsten Tag signifikant.
  • Stoffwechsel: Schlafmangel führt unter anderem zu einer verminderten Glucosetoleranz und vermehrter Ausschüttung von Hunger- und Stresshormonen. Die Folgen: Diabetes und Fettleibigkeit. HierSchlank im Schlaf: Klappt das wirklich? mehr dazu.
  • Immunsystem: Schlaf ist für unser Immunsystem unabdingbar. Durch Schlafmangel schwächen wir unser Immunsystem. Ihr wollt mehr dazu erfahren? In diesem ArtikelStärkt schlafen das Immunsystem? setzt sich meine Kollegin Mathilda mit dem Thema auseinander.

Die Effekte von Schlafmangel beeinflussen also auch Gesunde negativ. Für Patient*innen auf Intensivstation haben die Effekte des Schlafmangels jedoch eine viel größere Bedeutung:

Ihre Körper sind schon stark geschwächt und jede weitere Belastung kann den Allgemeinzustand verschlimmern.

Ist das Immunsystem beispielsweise schon geschwächt, kann jede kleine Infektion das Fass zum Überlaufen bringen und eine lebensgefährliche Sepsis auslösen. Auch eine verschlechterte Atmung beeinträchtigt den Körper der sowieso schon Geschwächten stark: Daher ist die verringerte Schlafqualität von Patient*innen auf Intensivstation seit vielen Jahren wichtiger Gegenstand der Forschung.

Was tun für eine Verbesserung des Schlafes auf Intensivstation?

  • Reduktion von Lärm: Ohrstöpsel, Türen zu, Geräte leiser
  • Reduktion von Helligkeit: Schlafmaske, Türen zu, gedimmtes Licht
  • Pflege: möglichst tagsüber
  • Behandlung: Schmerzmedikation und Beatmung optimieren
  • Entspannung: Massagen, Musiktherapie, Ocean sounds
  • Schlafmedikamente: Haloperidol, Zolpiden, Melatonin
Massagen und Entspannungsmethoden reduzieren den Stress der Patient*innen und helfen so beim Schlafen.

Medikamente: Weniger ist mehr?

In Studien konnte herausgefunden werden, dass manche Medikamente den Schlaf von Intensivpatient*innen verbessern, andere verschlechtern ihn eher.

Überraschend: Patient*innen auf Intensivstation hilft das Schlafmittel Melatonin besser beim Einschlafen als Schlafmaske und Ohrenstöpsel.

Beruhigende Medikamente, die die Schlafqualität von Intensivpatient*innen erhöhen:

  • Melatonin
  • Haloperidol
  • Zolpidem

Beruhigende Medikamente, die die Schlafqualität von Intensivpatient*innen verschlechtern:

  • Midazolam
  • Propofol

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Quellenverzeichnis

Siobhan Weiss

Medizinstudentin und Schlafexpertin

Siobhan studiert Medizin und möchte sich später auf Neurologie spezialisieren. Ihr großes Interesse für das Thema Schlaf entwickelte sie, als sie sich im Studium mit der Entwicklung des Gehirns auseinandersetzte. Bei besserschlafen.de ist Siobhan dafür zuständig, komplexe medizinische Inhalte so zu erklären, dass jeder sie verstehen kann. So möchte sie ihre Faszination für den menschlichen Körper mit vielen Menschen teilen. In ihrer Freizeit macht Siobhan viel Sport und schläft auch gerne mal aus.

siobhan@besserschlafen.de