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Schlafstörungen

Trauma: Wenn aus Traum Alptraum wird

Pari Sepehrband

Veröffentlicht von Pari Sepehrband am 27.06.2019

Wenn aus Träumen Alpträume werden leidet unser Schlaf. Gerade nach traumatischen Erlebnissen sind sie keine Seltenheit.

Trauma

Der Begriff Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde, Verletzung“. In der Psychologie meint man damit eine schwere psychische Verletzung, hervorgerufen durch ein traumatisches Ereignis.

Traumatische Ereignisse können zum Beispiel sein: Körperliche oder seelische Gewalt, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Krankheit, Gefangenschaft, Unfälle, Naturkatastrophen, Krieg oder der Tod eines nahestehenden Menschen.

Was während eines Traumas passiert

Traumatische Ereignisse werden als lebensbedrohlich wahrgenommen und haben eine extreme Stressreaktion unseres Körpers zur Folge. Hier kommt nun ein Kerngebiet unseres Gehirns namens Amygdala und der Kampf-Flucht-Mechanismus ins Spiel:

Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems. Das limbische System ist für die Verarbeitung von Emotionen zuständig. Die Amygdala, aufgrund ihrer Form auch Mandelkern genannt, ist für die Verknüpfung von Emotionen und Ereignissen zuständig. Sie fungiert als eine Art Alarmsystem: Über den Thalamus, auch „Tor zum Bewusstsein“ genannt, werden äußere Sinnesreize verarbeitet und als Information an die Amygdala weitergeleitet. Dort werden diese Informationen überprüft und als gefährlich oder ungefährlich eingestuft. Bei Gefahr, wie es bei traumatisischen Ereignissen der Fall ist, reagiert die Amygdala und löst eine Stressreaktion (Kampf-Flucht-Mechanismus) aus.

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Kamp-Flucht-Mechanismus

Dieses uralte, biologische Programm unseres Körpers wird aktiviert, damit wir in gefährlichen und lebensbedrohlichen Situationen leistungsfähiger sein und somit angemessen reagieren können. Bei dieser Stressreaktion kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und dem Stresshormon Cortisol, welches in der Nebennierenrinde produziert wird. Wenn der Kampf-Flucht-Mechanismus einsetzt, werden alle Funktionen, die für unser Überleben nicht essentiell sind, gedrosselt. Einige Symptome sind:

 

Erhöhter Herzschlag

 

Erhöhter Blutdruck

 

Anstieg des Blutzuckers

 

Erweiterung der Bronchien und der Pupillen

 

Hemmung der Verdauung

An die Amygdala grenzt der Hippocampus. Dieser ist für die Abspeicherung und Ordnung der eingehenden Informationen zuständig. Dies ist hinsichtlich der Verarbeitung der Erlebnisse und Eindrücke wichtig. Er ordnet die Informationen zeitlich und räumlich ein und leitet sie vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis (Großhirnrinde) weiter.

Die extreme Stressreaktion, die mit einem traumatischen Ereignis einher geht, führt dazu, dass die Funktionen des Hippocampus außer Kraft gesetzt werden. Somit können die Ereignisse und Eindrücke nicht mehr abgespeichert werden. Ungeordnet – ohne zeitlichen und räumlichen Zusammenhang – kann es wiederum nicht zu einer Verarbeitung der traumatisierenden Ereignisse kommen. Als ungeordnete Gedächtnisfetzen verbleiben sie im emotionalen Gedächtnis der Amygdala.

Überlebensmechanismus der menschlichen Psyche

Ein Trauma stellt stets eine Überforderung für Körper und Geist dar. Sie führen bei Betroffenen zu intensiven Gefühlen der Angst und Schutzlosigkeit. Aus Gründen des Selbstschutzes, kommt es während eines traumatischen Ereignisses oft zu einer Dissoziation: Die Abspaltung und Trennung des Bewusstseins von den augenblicklichen, realen Ereignissen. Ein Überlebensmechanismus der menschlichen Psyche, ohne den der seelische Schmerz unerträglich wäre.

Berufsbedingte Traumatisierung: Feuerwehr, Rettungskräfte und andere sogenannte helfende Berufe gelten als besonders gefährdet.

Die biologischen und psychologischen Bewältigungsmechanismen in Folge eines Traumas zeigen, weshalb sich traumatisierte Menschen, wie etwa Opfer sexueller Gewalt, an Schlüsselerlebnisse ihres Traumas nicht mehr erinnern können. Die Erinnerung schlummert in der Dunkelheit – ungeordnet und fragmentiert. Äußere Reize (Trigger), wie zum Beispiel Gerüche, können die schmerzhaften Erinnerungen unseres emotionalen Gedächtnisses erneut wecken.

Für die seelische und körperliche Gesundheit, beziehungsweise Heilung, ist die Verarbeitung der traumatischen Ereignisse notwendig. Dies ist jedoch aufgrund der bruchstückhaften Erinnerungen sehr schwer. Hält die Stress – und Angstbelastung auch lange nach dem traumatischen Ereignis an, manifestieren sich psychische Symptome, die als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zusammengefasst werden. Die Posttraumatische Belastungsstörung kann Tage, aber auch erst Jahre nach dem Ereignis auftreten.

Alpträume: Traum und Trauma

Schlafstörungen gehören zu den leidvollen Symptomen, die nach dem Erleben eines Traumas, auftreten können. Betroffene leiden unter Ein – und Durchschlafproblemen. Führt das traumatische Erlebnis zu einer chronischen Dauerbelastung mit langanhaltendem Stressempfinden, ist ein erhöhter Cortisol-Spiegel die Folge. Das Stresshormon Cortisol ist in Sachen Schlaf der Gegenspieler von Melatonin. Melatonin, auch Schlafhormon genannt, reguliert unseren Schlafrhythmus und wird bei Dunkelheit ausgeschüttet. Ein dauerhaft erhöhter Cortisol-Spiegel geht mit einer verminderten Melatonin-Ausschüttung und folglich erheblichen Einschlafproblemen einher.

Gerade bei Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) befinden sich Körper und Geist unter ständiger Alarmbereitschaft (Kampf-Flucht-Mechanismus). Wie Flashbacks blitzen die schmerzhaften Erinnerungen auf und rauben den Betroffenen die nötige Ruhe.

Die Flashbacks setzen sich jedoch auch während des Schlafes fort: In Form von Alpträumen erleben Betroffene die traumatischen Ereignisse immer wieder aufs Neue. Alpträume gelten als eines der Hauptsymptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die posttraumatischen Träume werden von Betroffenen intensiver und realistischer erlebt, als reguläre Träume. Sie führen zu Schlafunterbrechungen und verschlechtern die allgemeine Schlafqualität deutlich.

Die Schlafphase, in der wir am intensivsten träumen, sind die sogenannten REM-Phasen (Rapid Eye Movement dt. schnelle Augenbewegung). Sie werden auch als Traumphasen bezeichnet. Anders sieht es bei posttraumatischen Träumen aus: Hier finden die Träume in allen Schlafphasen statt. Mal sind die Alpträume symbolischer oder surrealistischer Natur, ein anderes Mal zeigen sie exakte Nachstellungen der traumatischen Ereignisse. Sie können starke Gefühle von Angst, Wut und Trauer auslösen. Aus wiederkehrenden Alpträumen, die mit negativen Gefühlen verbunden sind, kann sich eine generelle Angst vor dem Einschlafen entwickeln.

Schlafstörungen gehören zu den leidvollen Symptomen, die nach dem Erleben eines Traumas, auftreten können.

„Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“, schreibt der Schriftsteller Elias Canetti und erinnert damit an die Freudsche Traumtheorie. Dieser sah Träume als Brücke zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein. In Träumen verarbeiten wir Geschehenes und Eindrücke aus der Vergangenheit und Gegenwart. All das, welches verborgen und unsichtbar in den dunklen Sphären unseres Unterbewusstseins schlummert, würde durch Träume an die Oberfläche geraten und damit sichtbar werden. Nur was sichtbar ist, kann verarbeitet und somit geheilt werden.

Insbesondere traumatische Erfahrungen streben danach verarbeitet zu werden. Auch wenn die Alpträume für Betroffene mit starken seelischen Leiden einher gehen, so sind sie doch eine intelligente und logische Maßnahme, beziehungsweise Folge. Mithilfe von Träumen, ordnet unser Gehirn jene Information, die ungeordnet ist und bringt diese in einen sinnvollen Zusammenhang. Bezüglich der Trauma-Verarbeitung können posttraumatische Träume wichtige diagnostische und therapeutische Erkenntnisse ermöglichen, wie die Psychologin Dr. Deirdre Barrett erklärt.

„Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“ (Elias Canetti)

Auch wenn die wiederkehrenden Alpträume für Betroffene schmervoll sind, stellen sie somit auch eine Chance für Heilung dar. Sind die traumatischen Ereignisse emotional und körperlich verarbeitet, so lassen in den meisten Fällen auch die Alpträume nach.

Was können Betroffene tun?

Eine geeignete Therapiestelle, die fachliche Behandlungsmethoden ermöglichen kann, ist wichtig bei der Trauma-Verarbeitung. Erste Anlaufstelle kann zunächst auch der hausärztliche Dienst sein, der dann weiter vermittelt.

Hier findet ihr Anlaufstellen:

Der Weg Richtung Heilung ist nicht einfach und kann zu großen Teilen mit sehr viel Schmerz verbunden sein. Gefühle der Überwältigung und des Kontrollverlusts sind normal. Professionelle Hilfe kann euch auf diesem Weg begleiten.

Ein Traumtagebuch, in dem ihr eure Träume niederschreibt und festhaltet, kann bei der Traumatherapie wichtige Erkenntnisse ermöglichen und sich dementsprechend positiv auf die Heilung auswirken.

Entwickelt Bewältigungsmethoden für einen besseren Umgang mit Alpträumen. Meditation vor dem Schlaf, Progressive Muskelentspannung oder Achtsamkeitsübungen können euch helfen.

Eine bekannte Übung ist die „Container-Übung“. Hierfür stellt ihr euch ein Behältnis mit einer Öffnung vor. Das Behältnis kann eine Box, ein Ordner oder auch ein Safe sein. In diesem Behältnis verstaut ihr all die Dinge, die euch psychisch am meisten belasten und in einen Stresszustand versetzen: Schmerzvolle Gedanken zu den traumatischen Ereignissen, Flashbacks und die Alpträume, die euch emotional zu schaffen machen. Diese Dinge können so abgeheftet und verstaut werden, bis ihr euch in der Lage fühlt, die Dinge anzugehen.

Für eine bessere Visualisierung könnt ihr euch natürlich eine Box kaufen oder basteln. Die Dinge, die ihr darin verstauen möchtet, schreibt dann ihr dann einfach auf ein Stück Papier und legt sie in die Box.

Die Erinnerung an das Trauma liegt in den dunklen Sphären der Dunkelheit. Träume bringen Licht ins Dunkle.

Zwingt euch nicht zum Einschlafen. Insbesondere wenn ihr aus einem Alptraum erwacht, ist die Angst vor einem weiteren Alptraum groß. Wenn ihr euch unter Druck setzt einzuschlafen, kann das den Einschlafprozess zusätzlich negativ beeinflussen. Widmet euch stattdessen einer Sache, die euch beruhigt. Wie wäre es zum Beispiel mit eurem Lieblingsbuch oder einem Hörbuch, das euch auf positive Gedanken bringt?

Versucht euch daran zu erinnern, dass die Alpträume zum Prozess der Heilung gehören. Dieser Prozess ist nicht immer angenehm und bedarf Zeit. Alpträume sind der Weg unseres Gehirns und unseres Unterbewusstseins Licht ins Dunkel zu bringen. Sie zeigen uns die Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen und derer wir uns im wachen Zustand meist nicht bewusst sind.

Häufige Fragen zum Artikel

 

 

Pari Sepehrband

Theaterwissenschaft

Als Schauspielerin spielte Pari auf der Bühne und schrieb ihre eigenen Theatertexte. Nach ihrer Schauspielausbildung begann sie das Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft. Mittelpunkt ihrer Arbeit ist ein ganzheitliches Verständnis über Gesundheit als Beziehung zwischen Geist und Körper. Gerade die immaterielle Welt des Traums als Ort, der Verborgenes sichtbar macht, ist für sie von besonderem Interesse.

pari@besserschlafen.de