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Selbsttests & Hilfe

Wohnungslosigkeit: Leben und Schlafen ohne Zuhause

José Manuel de Laá, Pixabay.
Pari Sepehrband

Veröffentlicht von Pari Sepehrband am 22.04.2020

Laut Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose e.V. waren im Jahr 2018 in etwa 678.000 Menschen wohnungslos. Davon lebten 41.000 dieser Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße – Tendenz steigend. Aktuelle Zahlen und Informationen zu Initiativen findet ihr hier.


"Das verbreitete, aber gesellschaftlich ignorierte Phänomen städtischer Obdachlosigkeit umfasst viele Entbehrungen, nur wenige aber sind akuter als die Gefahren und Unsicherheiten von schutzlosem Schlaf." (Jonathan Crary, Kunstkritiker und Essayist.)

Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit

Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland ist nach aktuellen Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose e.V. (BAG W) gestiegen. Betrug die Zahl der als wohnungslos gemeldeten Menschen im Jahr 2017 noch 650.000 Menschen, ist sie ein Jahr später bereits um 4,2 Prozent gestiegen. Und so waren im Jahr 2018 678.000 Menschen ohne Wohnung.

Als wohnungslos gelten jene Menschen, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum oder Wohneigentum verfügen. Viele von ihnen leben in Not – und Gemeinschaftsunterkünften, in kommunalen und frei-gemeinnützige Einrichtungen oder auch bei Bekannten. In den meisten Unterkünften ist der Aufenthalt aufgrund mangelnder Kapazitäten zeitlich begrenzt. Unter den 678.000 Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, leben und schlafen 41. 000 Menschen auf der Straße (2018).

Diese Zahlen stellte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose e.V. anlässlich ihrer Bundestagung am 11.11.2019 in Berlin vor. Die Zahlen beruhen auf dem Schätzmodell, das sich aus den empirisch validen Daten der alljährlichen Wohnnotfallberichterstattung in Nordrhein-Westfalen zusammensetzt. Hierbei werden die Daten aus Nordrhein-Westfalen auf Deutschland hochgerechnet.

Wohnungslosigkeit: Risiko und Vulnerabilität

2016 wurden erstmals wohnungslose anerkannte Geflüchtete in die Statistik aufgenommen. Insbesondere geflüchtete Menschen sind von Wohnungslosigkeit betroffen und zählen zu den vulnerablen Personengruppen. 2018 betrug die Zahl der wohnungslosen anerkannten Geflüchteten 441.000 Menschen. Aber auch Alleinerziehende und junge Erwachsene sind laut Angaben der BAG W im besonderen Maße gefährdet.

Mit der sinkenden Zahl der Passanten, sinken auch wichtige Spenden für Wohnungslose.

Die Zahl der wohnungslosen Menschen ohne Fluchthintergrund beläuft sich auf 237.000 Menschen. In etwa 70 Prozent (166.000) der wohnungslosen Menschen sind alleinstehend. Die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendliche wird auf 8 Prozent (19.000) geschätzt. Bei 17 Prozent der Wohnungslosen (40.000) handelt es sich um arbeitssuchende EU-Bürger*innen, mehrheitlich aus Ost – und Südosteuropa.

Da der Zugang für Sozialleistungen für ausländische EU-Bürger*innen extrem eingeschränkt ist, landen viele von ihnen auf der Straße, wenn die Suche nach Arbeit erfolglos bleibt. Ihr Anteil an den Menschen ohne jede Unterkunft beträgt bis zu 50 Prozent. Gerade in Großstädten, wie Hamburg oder auch Berlin, macht sich diese Situation bemerkbar. Aufgrund fehlender soziodemographischer Daten, sind anerkannte Geflüchtete in dieser Hochrechnung nicht mit inbegriffen.

Armut und Wohnungsnot

Die Ursachen und Auslöser für Wohnungsverlust sind unterschiedlich. Bei wohnungslosen Menschen handelt es sich nicht um eine homogene Personengruppe. Verbände wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose e.V. (BAG W) verweisen jedoch darauf, dass die Wohnungslosigkeit keinesfalls alleinig auf persönliche und demnach individuelle Ursachen zurückzuführen sei. Vielmehr müsse man Wohn – und Obdachlosigkeit als ein soziales und gesamtgesellschaftliches Problem betrachten.

Wohnungslosigkeit trifft vor allem bereits marginalisierte Menschen (zum Beispiel Langzeitarbeitslose oder Menschen mit psychischen Erkrankungen). Der Verlust von sicherem Wohnraum und ferner Obdachlosigkeit führt dann zu einer mehrfachen Marginalisierung (aus dem Lateinischen Margo = Rand. Prozess, in dem Individuen oder Teile der Gesellschaft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.).

Zu den häufigsten Auslösern von Wohnungslosigkeit gehören nach Angaben der Diakonie:

  • Arbeitsplatzverlust
  • Verschuldung
  • Migration
  • Trennung oder Scheidung
  • Todesfälle
  • Erkrankung
  • Gewalterfahrungen
  • Haftentlassung
  • Ungeregelte oder abrupte Entlassung aus Hilfseinrichtungen

Obwohl zum Teil persönliche Krisensituationen vorliegen, verweisen die Ursachen auf ein strukturelles Problem. Es ist das Fehlen oder der Mangel an wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit, das Menschen in Krisensituationen zu Wohnungsnotfällen macht und schließlich zum Wohnungsverlust führt.

Wer sozial und wirtschaftlich abgesichert ist, kann persönliche Krisen potenziell besser bewältigen ohne in eine existenzielle Notlage zu geraten. Vor allem die zunehmende Armut und Wohnungsnot sind als Hauptursachen für Wohnungsverlust und ferner Obdachlosigkeit zu benennen.

Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen sind für die BAG W das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut. Es fehlt insbesondere an bezahlbarem Wohnraum für Menschen im Niedrigeinkommensbereich, für die Menschen, die Transferleistungen beziehen und für anerkannte Geflüchtete. (Werena Rosenke, Geschäftführerin der BAG W)

Große Sorge bereite Werena Rosenke außerdem die drohende Altersarmut der Generation der Billigjobber*innen, der Soloselbständigen und anderer prekär beschäftigten Menschen. Die Forderung des Verbands: Mehr Verantwortung für eine soziale Wohnungspolitik.

So würden pro Jahr 80.000 bis 100.000 neue Sozialwohnungen und weitere 100.000 bezahlbare Wohnungen benötigt. Wichtig sei außerdem eine Wohnungslosenstatistik mit bundesweit einheitlich erhobenen Zahlen, die der immer noch mangelnden Sichtbarkeit von wohnungslosen Menschen entgegenwirkt.

Nacht der Solidarität

In Berlin wurde dieses Jahr, auf der Nacht vom 29. auf den 30. Januar, Menschen, die obdachlos sind und auf der Straße schlafen, gezählt und nach Themen wie zum Beispiel Alter oder Dauer der Wohnungslosigkeit befragt. Dies war der bundesweit erste Versuch einer Zählung und erfolgte nach Pariser Vorbild. 2741 Helfende engagierten sich in der sogenannten Nacht der Solidarität.

Falls du jemanden auf der Straße siehst, der hungrig ist oder Hilfe benötigt, kannst du diese Nummer anrufen und das Team der Karuna Taskforce kommt vorbei.

Insgesamt wurden in der Nacht 1976 obdachlose Menschen in Berlin gezählt. 288 Personen stimmten einer Befragung zu. 47 Prozent der befragten Personen gaben an bereits seit mehr als drei Jahren keine feste Wohnung zu haben. 56 Prozent der Befragten waren im Alter zwischen 30 und 49 Jahren.

Die Zählung erfolgte in öffentlich zugänglichen Räumen Berlins. Das heißt sie konnte nicht die tatsächliche Zahl der obdachlosen Menschen erfassen und bleibt eine kleine Momentaufnahme.

Die Aktion soll nichtsdestotrotz eine Ausweitung und verbesserte Anpassung des Hilfesystems an die Bedürfnisse von obdachlosen Menschen ermöglichen und die Zivilgesellschaft sensibilisieren. Ziel ist es, die Zählung regelmäßig durchzuführen, so Elke Breitenbach , Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales.

Wie kann ich Obdachlosen helfen?

Der Dokumentarfilm Draußen – Leben auf der Straße des gemeinnützigen Vereins Hilfspunkt e.V. ist ein zwanzigminütiger Film, der 2015 erschienen ist. Er begleitet die zwei Männer Günther und Siggi. Beide sind wohnungslos, leben und schlafen seit Jahren auf den Straßen von Hamburg.

Abends, wenn alle nach Hause gehen, die Lichter gehen aus – da fragt man sich: wo geht man heute Abend schlafen? Wo fühlt man sich sicher? Und sicher fühlst du dich auf keiner einzigen Bank. Bis jetzt hab ich immer noch meine Ruhe gehabt. Mit einem Ohr hört man so oder so, schlafen tut man sowieso nicht richtig. Und man hört dann immer noch Nebengeräusche und dann steht man automatisch auf. Bevor du die Knochen kaputt kriegst oder ein Messer in den Wanst – da steh ich lieber ein paar Minuten früher auf, als dass das geschieht. Und zieh mich dann soweit zurück.“ (Günther)

Ohne sicheren Raum sind obdachlose Menschen äußeren Einflüssen, wie Witterung und Kälte, aber auch körperlicher Gewalt, schutzlos ausgeliefert. Hinsichtlich der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie gehören wohnungslose Menschen in der aktuellen Krise zu einer besonders gefährdeten Gruppe.

In einer Pressemitteilung vom 7. April appelliert die BAG W nun, gemeinsam mit Initiativen wie unter anderem We’ll Come United, dem Flüchtlingsrat Berlin e.V. oder dem AK Wohnungsnot, an den Senat. Gefordert wird unter anderem eine Ausweitung von Unterbringungsmöglichkeiten, die Schließung von Massenunterkünften und die Bereitstellung von leerstehenden Hotelzimmern, Ferienwohnungen und Businessapartments für Wohnungslose.

Aktuelle Initiativen und Hilfsangebote

Die besten Schlaftipps bringen nichts, wenn Menschen kein sicheres Zuhause haben, indem sie leben und schlafen können. Da viele Hilfe – und Beratungsstellen zur Zeit geschlossen haben, findet ihr hier eine Aufstellung mit einigen der aktuellen, alternativen Hilfsangeboten.

Karuna Sozialgenossenschaft

Täglich 10 Euro für jeden Obdachlosen Berlins - Corona Soforthilfe: In diesem Sinne zahlen die KARUNA-Obdachlosenlotsen täglich 10 Euro direkt an Betroffene aus.

STREETPHONES für Alle - KARUNA Corona Taskforce gibt Handys an Obdachlose: In der aktuellen Krise ist es wichtig, dass alle Menschen mit Informationen versorgt werden. Aus diesem Grund kauft die sogenannte KARUNA Taskforce preiswerte Handys auf, um sie dann samt SIM-Karten an 2000 Obdachlose zu geben. Per Push-Nachrichten werden sie dann mit wichtigen Informationen versorgt.

Ein Gabenzaun im "Viertel" in Bremen. © Foto: www.instagram.com/tonyundmary/

#GemeinsamFürBerlin

Unter dem Slogan #GemeinsamFürBerlin startet die Berliner Werbeagentur DOJO mit ihrer Obdachloseninitiative ONE WARM WINTER und der Sozialgenossenschaft Karuna eine Lebensmittelaktion. In Zusammenarbeit mit diversen Unternehmen fährt der sogenannte BVG-Rosinenbrummi mit Lebensmittelpaketen durch die Stadt und verteilt diese an wohnungslose Menschen. Die Aktion lief am 1. April an. Weitere Informationen findet ihr hier.

Hotline für obdachlose Menschen während der Pandemie:

Unter der Hotline 0157 80 59 78 70 erhalten obdachlose Menschen aktuelle Informationen über das Corona-Virus 24/7.

Mithilfe der Werbeagentur Dojo, machen die Sozialgenossenschaft Karuna und die Obdachloseninitiative One Warm Winter gemeinsame Sache und schaffen mit ihrer berliner Plakatkampagne Aufmerksamkeit für eine wichtige Sache.

Falls du jemanden auf der Straße siehst, der hungrig ist oder Hilfe benötigt, kannst du die 0157 80 59 78 70 anrufen und das Team der Karuna Taskforce kommt vorbei. Bevor ihr die Nummer wählt, solltet ihr die betreffende Person fragen, ob sie Hilfe annehmen möchte.

Gabenzäune

Warme Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, Lebensmittel können in beschrifteten Tüten an die Gabenzäune gehängt werden. Bedürftige können sich diese dann nehmen.

Eine Karte über bundesweite Standorte der Gabenzäune findet ihr unter diesem Link:

Eine Liste über noch geöffnete Notübernachtungen und Essensausgaben während der Pandemie findet ihr unter folgendem Link: https://www.berliner-obdachlosenhilfe.de/helfen/hilfe-wahrend-der-corona-pandemie/

Eine ausführliche Aufstellung der Hilfsangebote der Stadt Hamburg findet ihr unter folgendem Link: https://www.hamburg.de/coronavirus/13735702/obdachlosenhilfe/








Quellenverzeichnis

Pari Sepehrband

Als Schauspielerin spielte Pari auf der Bühne und schrieb ihre eigenen Theatertexte. Nach ihrer Schauspielausbildung begann sie das Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft. Mittelpunkt ihrer Arbeit ist ein ganzheitliches Verständnis über Gesundheit als Beziehung zwischen Geist und Körper.

pari@besserschlafen.de