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Lifestyle & Schlaf

Aristoteles und der Schlaf

Aristoteles mit einer Büste von Homer, Gemälde von Rembrandt van Rijn.
Pari Sepehrband

Veröffentlicht von Pari Sepehrband am 16.09.2019

Obwohl Schlaf eine Lebensnotwendigkeit ist, ist er zugleich immer noch ein Mysterium. In der Wissenschaft ist die Schlafforschung eine relativ junge Disziplin. Dabei ist Schlaf schon seit jeher Gegenstand der Kunst, Philosophie und Mythologie. Auch der griechische Philosoph und Naturforscher Aristoteles befasste sich mit dem Mysterium Schlaf.

De somno et vigilia

„De somno et vigilia“ (dt. „Über Schlafen und Wachen“) ist ein Essay des griechischen Philosophen und Naturforschers Aristoteles. Darin widmet er sich der Frage, was wir tun, wenn wir schlafen. Das Essay ist Teil einer Sammlung von Texten, die den Namen „Parva naturalia“ (dt. „kleine naturwissenschaftliche Texte“) trägt. Die insgesamt sieben Texte handeln von naturwissenschaftlichen Phänomenen, die Aristoteles in Beziehung zu den Einheiten Körper und Seele betrachtet.

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Aristoteles wird 384 v. Chr. in Stageira, einer Stadt im Nordosten Griechenlands, geboren. Er stammt aus einer angesehenen Familie. Sein Vater Nikomachos fungiert als Leibarzt am makedonischen Königshof. Im Alter von 17 reist Aristoteles nach Athen und beginnt dort – als Schüler Platons – sein Studium. Seine Forschungsgebiete umfassten diverse Disziplinen. So widmete er sich unter anderem der Staatslehre, Rethorik, Astronomie, Physik und Medizin. Sein Werk umfasst die wichtigsten Themen seiner Zeit und setzt sich der strikten Trennung zwischen Geistes – und Naturwissenschaft entgegen. Er gehört zu den großen Denkern seiner Zeit. Sein Einfluss auf die Sprache und Denkweise unserer modernen Gesellschaft ist allgemein anerkannt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die „Poetik“, „Metaphysik“ und „Politik“. Im Alter von 62 Jahren stirbt Aristoteles im Haus seiner Mutter in Chalkis auf der griechischen Insel Eubioa.

Über Schlafen und Wachen

„Schlaf ist offensichtlich das Nichtvorhandensein des wachen Zustandes“, schreibt Aristoteles und beschreibt damit den Dualismus des Seins: Eine Gegensätzlichkeit, die so auch in der Natur und in allen anderen Beziehungen auftritt. So wie sich Schlafen und Wachen gegenüberstehen, so stehen sich auch zum Beispiel Gesundheit und Krankheit, Schönheit und Hässlichkeit oder das Gute und das Böse gegenüber. Das Eine kann ohne das Andere nicht existieren. Schlafen und Wachen sind im aristotelischen Sinne demnach wie die beiden Seiten einer Münze: untrennbar miteinander verbunden.

Laut Aristoteles sind beide Seiten – Schlafen und Wachen – Ergebnis und Ursache unserer allgemeinen Fähigkeit wahrzunehmen. Er meint damit die sinnliche Wahrnehmung von Bewegungen, beziehungsweise Veränderungen, im Inneren sowie im Äußeren. Der Wachende ist durch sein Wachsein befähigt wahrzunehmen. Er nimmt Gerüche wahr, schmeckt, sieht und hört und kann auch die leichteste Berührung auf seiner Haut spüren. Der Schlafende wiederum befindet sich durch seinen Zustand in einer Art Lähmung. Seine Sinnesorgane sind gefesselt.

Schlaf ist offensichtlich das Nichtvorhandensein des wachen Zustandes

Der Zustand des Wachens ist demnach geprägt von Funktionstüchtigkeit. Der Zustand des Schlafens hingegen ist geprägt von dem Verlust der Funktionstüchtigkeit. Das Auge zum Beispiel ermöglicht in seiner natürlichen Funktion das Sehen. Doch ist die Zeit seiner Funktionstüchtigkeit, folglich seiner Fähigkeit Sehen möglich zu machen, überschritten, so verliert das Sinnesorgan jene Funktion und Schlaf setzt ein.

Raffaels Gemälde "Die Philosophen-schule von Athen". Άκαδήμεια Akadḗmeia, die Platonische Akademie.

Alle Lebewesen, die über die Fähigkeit verfügen wahrzunehmen, sind befähigt zu schlafen und zu wachen. Aristoteles nennt hier unter anderem Fische, Insekten und den Menschen. Pflanzen schließt er, aufgrund ihres fehlenden Wahrnehmungsvermögens, aus.

Neben den Sinnesorganen, die nicht alle Lebewesen in ihrer Anzahl miteinander gemein haben, gibt es laut Aristoteles ein Organ, welches alle Sinnesorgane umfasst und beherrscht. Er nennt dieses Organ das einheitliche Sinnesorgan oder zentrales Wahrnehmungsorgan und verortet seinen Sitz im Herzen. Der Schlaf ist die Lähmung dieses zentralen Wahrnehmungsorgans.

Eben diese Lähmung führt zu einer Lähmung, beziehungsweise zu einem Verlust der Funktionstüchtigkeit der anderen Sinnesorgane. Die Lähmung des zentralen Wahrnehmungsorgans ist notwendig, denn sie bedeutet Schlaf. Schlaf, so ist man seit jeher einig und nichts hat sich daran geändert, ist unabdingbare Lebenserhaltung.

Die heutige Hirnforschung weiß mittlerweile, dass das Gehirn das zentrale Organ für Sinnesempfindungen und jegliche bewusste und unbewusste Wahrnehmung ist.

Über die Ursache für Schlafen und Wachen

Die Ursache für Schlaf, konkreter warum es zu einer Lähmung des zentralen Wahrnehmungsorgans kommt, begründet Aristoteles mit dem Prozess der Nahrungsverdauung:

Denn eine reiche Menge von Feuchtem und Festem wird nach oben geführt, setzt sich fest, belastet uns und macht uns schläfrig. Nun kehrt sie sich nach unten, vertreibt durch ihre Richtungsänderung das Warme, und Schlaf tritt ein, und das Lebewesen schläft.

Es sind die Ausdünstungen, die durch die Nahrungsaufnahme auftreten, die zum Schlafeintritt des Lebewesens führen. Aber auch körperliche Anstrengung oder der Verzehr von Wein haben ähnliche Wirkung. Die Ausdünstungen strömen über den Weg der Adern in den Kopf. Dort werden sie durch das Gehirn, welches Aristoteles als ein Kühlungssystem betrachtet, gekühlt und strömen in konzentrierter Form an den Ort des zentralen Wahrnehmungsorgans: Das Herz. So setzt die Lähmung, beziehungsweise Erschlaffung, des Wahrnehmungsorgans ein. Schlaf setzt ein. Ist der Prozess der Nahrungsverdauung vollendet, tritt die Wachphase ein.

Quellenverzeichnis

Pari Sepehrband

Theaterwissenschaft

Als Schauspielerin spielte Pari auf der Bühne und schrieb ihre eigenen Theatertexte. Nach ihrer Schauspielausbildung begann sie das Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft. Mittelpunkt ihrer Arbeit ist ein ganzheitliches Verständnis über Gesundheit als Beziehung zwischen Geist und Körper. Gerade die immaterielle Welt des Traums als Ort, der Verborgenes sichtbar macht, ist für sie von besonderem Interesse.

pari@besserschlafen.de