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Schlafmittel

Antihistaminika: Machen Cetrirzin, Loratadin und Co. müde?

Mathilda Winter

Veröffentlicht von Mathilda Winter am 08.06.2020

Wach trotz Antihistaminika: Unterscheiden sich die rezeptfreien Mittel in ihren müdemachenden Effekten? Wir vergleichen Cetrirzin, Levocetirizin und Loratadin und stellen Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Kontraindikationen gegenüber.


In Deustchland entwickelt fast jede*r Dritte im Laufe des Lebens eine Allergie, rund 15 Prozent der Menschen erkranken an Heuschnupfen. Viele der Betroffenen leiden unter Symptomen wie tränenden Augen, laufender Nase und Hautreaktionen und nehmen deshalb regelmäßig Antihistaminika ein. Ein Nachteli: einige Anithistaminika machen müde.

Der Markt an rezeptfreien Optionen ist im letzten Jahr um ein weiteres Präperat gewachsen: Levocetirizin. Gibt es Vorteile gegenüber altbekannten Antihistaminika wie Cetrirzin und Loratadin? Wir stellen euch die verschiedenen Wirkstoffe vor und beantworten die oft gestellte Frage: Welche Antihistaminika machen müde?

Bei 15 Prozent der Deutschen wird im Laufe ihres Lebens Heuschnupfen diagnostiziert.

Wie wirken Antihistaminika?

Die H1-Rezeptorantagonisten sind Substanzen, die dem Histamin ähneln und daher an dessen Rezeptor binden können, aber keine Wirkung auslösen (kompetetiver Antagonisten). Das Anthistaminikum besetzt die Histaminrezeptoren und das Histamin kann seine Wirkung an den bereits belegten Bindungsstellen nicht entfalten.

Welche Rolle spielt Histamin beim Heuschnupfen?

Die typischen Symptome beim Heuschnupfen reichen von Niesen, einer geschwollenen Nasenschleimhaut über ein Jucken und Brennen der Augen bis hin zu Kopfschmerzen. Bei einer Allergie, also auch beim Heuschnupfen, erkennt das Immunsystem ein Allergen fälschlicherweise als schädlichen Subsatnz und reagiert darauf mit einer massiven Ausschüttung von Histamin aus den sogenannten Mastzellen. Histamin dockt an die H1-Rezeptoren an den Zellen der Gefäße an und bewirkt, dass die Gefäßwände durchlässiger werden. Es kommt zu einer Schwellung der Haut und Schleimhaut, was sich beim Heuschnupfen durch geschwollene Augen und Nase zeigt. Außerdem können sich die kleinsten Gefäße (Arteriolen und Venolen) weiten und darüber zu einem Blutdruckabfall oder im schlimmsten Fall zu einem allergischen Schock führen.

Welche rezeptfreien Antihistaminika gibt es?

Heutzutage sind Loratadin, Desloratadin, Cetirizin und Levocetirizin die gängigen rezeptfreien Antihistaminika (H1-Rezeptorantagonisten). Sie werden bei allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen (saisonale Rhinitis), bei jahreszeitunabhängigen Allergien auf Hausstaubmilben, Tierhaare und Schimmel und Nesselsucht (Utikaria) eingesetzt.

Die Weiterentwicklung der H1-Rezeptorblocker

Erste Generation

Die erste Generation der H1-Rezeptoranatgonisten wird nicht nicht mehr als Antiallergikum verwendet, weil deren Präparate sehr müde machen. Die Wirkstoffe sind lipohil, können die Blut-Hirn-Schranke gut überwinden und machen sehr müde. Antihistaminika der ersten Generation werden heutzutage deshalb noch als Schlafmittel Antihistaminika als Schlafmittel: Eine gute Alternative?eingesetzt.

Zweite Generation

Die zweite Generation umfasst die Medikamente Loratadin, Cetirizin und das verschreibungspflichtige Fenadin. Sie überwinden die Blut-Hirn-Schranke in geringerem Maße als die erste Generation und lösen Nebenwirkungen wie Müdigkeit kaum noch aus.

Dritte Generation

Die Substanzen Levocetirizin und Desloratadin sind Weiterentwicklungen der Wirkstoffe Cetirizin und Loratadin und werden häufig als dritte Generation bezeichnet. Seit April 2019 kann Levocetirzin auch ohne Rezept in der Apotheke gekauft werden, ist aber teuerer als Cetirizin.

Lohnt es sich, die neueren Medikament Levocetirizin und Desloratadin zu kaufen?

Antihistaminika der zweiten und dritten Generation machen nicht oder nur noch in geringem Maße müde.

Cetirzin vs Loratadin

Cetrirzin ist das wohl bekannteste Antihistaminikum. Wir vergleichen das altbewährte Mittel mit seinem Konkurrenten Loratadin.

Wirksamkeit

Die Studienlage dazu ist leider sehr widersprüchlich. Während einige Quellen behaupten, Loratadin sei Cetrirzin überlegen, haben wir in guten wissenschaftlichen Studien eher das Gegenteil gelesen. Die Wirksamkeit bei der Behandlung von Heuschnupfen scheint annähernd gleich zu sein, während Cetirizin bei einigen Allergieformen, wie chronicher Urtikaria wirksamer ist.

Außerdem ist bei Cetirizin mit einem schnelleren Wirkeintritt zu rechnen. Während Loratadin erst nach erst nach dreieinhalb Stunden die Symptome lindert, ist bei Cetirizin schon nach einer dreiviertel Stunde damit zu rechnen.

Nebenwirkungsprofil insbesondere Müdigkeit

Das Nebenwirkungsprofil ist grundsätzlich sehr ähnlich. Die Beipackzettel geben an, dass beide Substanzen zu Kopfschmerzen, Nervosität und Müdigkeit führen können. Dennoch wird Loratadin häufig als „nicht sedierend“ und die Fahrtauglichkeit „nicht beeinflussend“ eingeordnet, während Cetirzin als „mäßig sedierend“ bezeichnet wird.

Bei Cetrirzin werden desweiteren Nebenwirkungen wir Übelkeit, Durchfälle und Bauchschmerzen angegeben. Antihistaminika sollten generell nicht zusammen mit Alkohol eingenommen werden, weil das die müdemachende Wirkung verstärkt.

Cetirizin vs Levocetirizin

Seit April 2019 ist Levocetrizin rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und ist somit eine Alternative zu den altbekannten Mitteln. Als Substanz der dritten Generation stellt es eine Weiterentwicklung von Cetirizin dar und soll besser wirken und weniger Nebenwirkungen haben. Ist das auch so?

Was unterscheidet Levocetirizin und Cetirzin?

Levocetirizin ist das R-Enantiomer von Cetirizin. Enantiomere sind Verbindungen, die sich wie Bild und Spiegelbild verhalten, sich ansonten aber nicht voneinander unterscheiden. Während Cetirizin die sogenannte R – und L-Konfiguration enthält, besteht Levocetrizin nur aus dem wirksamen R-Enantiomeren. Die L-Konfiguration besitzt keine antihistaminerge Wirkung. Levocetirizin ist demnach kein komplett neuer Wirkstoff sondern lediglich der wirksame Teil des Cetrizins.

Die beiden Moleküle gleichen sich wie Bild und Spiegelbild.

Wirksamkeit

Um die gleiche Menge des wirksamen R-Enantiomers einzunehmen, muss eine doppelt so hohe Menge Cetrirzin im Vergleich zu Levocetirizin eingenommen werden. 2,5 mg Levocetirizin sind daher genauso wirksam wie 5 mg Cetirizin.

Nebenwirkung

Eine umfangreiche Studie hat gezeigt, dass sich die beiden Substanzen in ihrer sedierenden (müdemachenden) Wirkung nicht unterscheiden.

Ähnliches gilt für den Vergleich zwischen Loratadin und Desloratadin. Auf der Internetseite einer Apotheke heißt es zwar, Desloratadin solle eine stärke und bessere Wirkung bei weniger Nebenwirkungen aufweisen, eine Studie haben wir dazu allerdings nicht gefunden.

Sind die Antihistaminika der dritten Generation besser?

Das ist schwer zu sagen. Der Ansatz, den wirksamen Anteil von Cetirizin und Loratadin zu extrahieren und somit insgesamt eine geringere Menge eines Substrates einnehmen zu müssen, ist grundsätzlich ein guter Gedanke. Theoretisch könnten Levocetirizin und Desloratadin weniger Nebenwirkungen als ihre Vorgänger haben - das Internetportal arznei-telegramm, das unanhängig und neutral Stellung zu Medikamenten bezieht, zweifelt das an. Studien, die das beweisen, fehlen ebenfalls.

Wirtschaftliche Interessen

Die Entwicklung von Levocetirizin und Desloratadin hatte zu einem wesentlichen Anteil wirtschaftliche Gründe. Die Patente von Cetirizin und Loratadin standen davor auszulaufen, als die beiden Nachfolger auf den Markt kamen. Läuft ein Patent aus, können auch andere Pharmafirmen Tabletten mit dem gleichen Wirkstoff herausbringen, sogenannte Generika, die in der Regel billiger sind und Konkurrenz zwischen den Herstellern bedeuten.

Individueller Metabolismus

Ein weiterer Punkt ist der individuelle Stoffwechsel eines jeden Menschen. Die Menge und Aktivität eines ein Medikamentverstoffwechselnden Enzyms ist nicht bei jedem Menschen gleich! Manche bauen Cetirizin vielleicht schneller ab als andere, deshalb kann keine ganz pauschale Aussage dazugetroffen werden, welches Medikament bei dir besser wirkt. Wenn du ein Antihistaminikum gefunden hast, das dir gut hilft und wenig Nebenwirkungen hat, bleib dabei.

Neu ist nicht immer besser

Der Vorteil der Anthistaminika der zweiten Generation ist, dass sie in klinischen Studien schlichtweg besser untersucht sind. Die Präparate sind länger auf dem Markt und haben sich bewährt – es ist unwahrscheinlich, dass nach so langer Anwendung noch neue schwerwiegenden Nebenwirkungen auftreten.

Bei der Auswahl eines Medikaments müssen immer Vorerkankungen, Schwangerschaft und Alter des*der Patient*in beachtet werden. Insbesonder bei einer vorbestehenden Nieren- oder Leberfunktionsstörung oder einer Schwangerschaft sollte ein*e Arzt*Ärztin zu Rate gezogen werden.



Mathilda Winter

Mathilda studiert Medizin an der Charité und möchte Kinderärztin werden. Neben dem Studium hat sie als Nachtwache im Krankenhaus gearbeitet und in der Zeit viel über das Schlafen gelernt - unter anderem was es heißt, wirklich müde zu sein. Jetzt schreibt sie bei besserschlafen.de über wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Schlafforschung und will dabei vor allem eins: Hilfreiche Tipps für eine erholsame Nacht geben.

mathilda@besserschlafen.de